Muss ich vegan werden, um meine Esssucht zu heilen?

Muss ich vegan werden, um meine Esssucht zu heilen?

Dr. Neal Barnard erklärt in seinem Buch Breaking the Food Seduction, dass Zucker, Schokolade, Käse und Fleisch süchtig machen können. Mein eigenes Programm Raus aus der Lustfalle ist vegan, weil auch Fett hochgradig auf das Belohnungssystem wirkt und ich der Auffassung bin, dass man zum „kalten Entzug“ alles weglassen sollte, was viel Fett enthält und darunter fallen die meisten tierischen Produkte: Eier aufgrund des Fettgehalts, Quark und Milch aufgrund der Kasomorphine, Milch darüber hinaus auch aufgrund des Fettgehalts (Milch enthält zwar nur 3,5% Fett bezogen aufs Gewicht, gemessen an den Kalorien enthält sie aber 50% Fett) und Fleisch ebenfalls aufgrund des Fettgehalts. In der Raus aus der Lustfalle Challenge kommen keine Nahrungsmittel vor, die mehr als 20% Fett enthalten. Es gibt zwar Fleisch, welches so mager ist, aber das ist im Allgemeinen nicht das Fleisch, das die meisten Leute essen. Dieses Verhältnis findet sich fast nur bei Wildbret, aber auch da nicht immer. Daher empfehle ich für den kalten Entzug tatsächlich, 3 Wochen vegan zu leben.

In meinen Augen ist aber auch der Widerstand der meisten Leute gegen den Veganismus darauf zurückzuführen, dass viele tierische Produkte die eingangs erwähnte Wirkung auf das Belohnungssystem haben. Deshalb wollen die meisten Leute nicht auf tierische Produkte verzichten. Dieses Phänomen findet sich sogar bei vielen Weltverbesserern, die z.B. im Hambacher Forst demonstrieren, um die globale Erwärmung zu verhindern, aber nicht gewillt sind, vom Fleisch die Finger zu lassen.

Rational ist das absoluter Irrsinn. Wenn man aber das Belohnungssystem versteht, ist es absolut logisch und nachvollziehbar. Die Menschen reagieren deshalb mit Ablehnung, weil sie unbewusst darauf reagieren, dass man ihnen ihr Wohlbefinden streitig machen will, welches sie beim Fleischverzehr empfinden. Tatsächlich habe ich schon von dutzenden, wenn nicht gar hunderten Patienten, die Worte vernommen „aber ich habe doch sonst nichts vom Leben“, wenn ich ihnen ihre Ernährung streitig machen wollte, oder „ohne Fleisch kann ich nicht leben!“ – eine Bekannte erzählte mal davon, dass sie zittrig wurde, nachdem sie 3 Tage kein Fleisch gegessen hatte – genau wie in einer Entzugsklinik!

Das gleiche gilt für LowCarb- oder Keto-Anhänger, die diese Ernährung so toll finden, weil sie keine Heißhungerattacken mehr haben. Fleisch und Fett wirkt viel subtiler auf das Belohnungssystem als Zucker. Daher will die Belohnung durch Fleisch nicht sofort befriedigt werden, wird aber dennoch bedingungslos eingefordert: Ich sah mal einen adipösen Mann auf seinem Rollator vor einem Rewe Markt sitzen, der mit den Fingern eine Packung rohes Hackfleisch aß, völlig versunken in sich selbst und scheinbar in Trance. Ihm war völlig egal, was die Leute um ihn herum dachten oder ob sie ihn beobachteten. Er war im Rausch! – oder wie Instincto-Rohköstler das nennen: In einer „himmlischen Phase“. Auch das ist natürlich nur eine Reaktion des Belohnungssystems.

Selbstverständlich reicht es aber auch nicht aus, sich vegan zu ernähren, um sich aus dem Suchtmechanismus zu befreien. Es gibt haufenweise vegane Dinge, die auf das Belohnungssystem wirken: Zucker, Chips, Beyond Meat Burger, vegane Waffeln in der Mensa, veganes Ben&Jerrys, Oreos und, und und…Die Liste der Produkte findet kein Ende. Tatsächlich kenne ich Veganer, die über nichts anderes reden können, als darüber, welche Dinge sie gegessen haben, in welchem Restaurant sie waren und was neu auf dem Markt ist. – Das ist ebenso pathologisch, wie die Finger nicht von Fleisch lassen zu können!

Daher reicht eine vegane Ernährungslehre allein nicht aus, um sich aus der Lustfalle zu befreien.

Veganer sind statistisch dünner als Omnivoren, aber es gibt haufenweise Menschen, die auch mit veganer Ernährung nicht ihr Idealgewicht erreichen und sich dann fragen: Wieso?

Die Lustfalle ist die Antwort auf das Wieso. Daher müssen auch esssüchtige Veganer ihre Ernährung weiter verändern, um das Gewicht zu erreichen, das sie erreichen wollen und welches sie am gesündesten erhält.

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